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Krise, Volksseele und ein Psychopharmakon

26. Februar 2009

Auf sueddeutsche.de macht sich Dieter Degeler in seiner Kolumne „Degler denkt“ unter dem Titel „Ein Land unter Valium“ Gedanken über

die Krise und die deutsche Volksseele. Ganz unschuldig fragt er:

Was ist eigentlich los in diesem Land? Ist Ruhe, wie nach Jena und Auerstädt vor zweihundert Jahren, wieder die erste Bürgerpflicht? Darf man nicht mehr sagen, was man für richtig hält oder worüber man sich Sorgen macht, nur weil den ratlosen Berliner Damen und Herren im Angesicht des ökonomischen Niedergangs der Sinn nach Optimismus steht?

Natürlich darf man etwas sagen. Und von einem Journalisten erwarte ich im Übrigen, daß er etwas sagt! Das ist schließlich seine ureigenste Aufgabe. In den Sonntags-Reden stilisieren sich die Damen und Herren gerne zur Vierten Gewalt. In der Praxis ist davon aber leider nicht (mehr?) viel zu hören bzw. zu sehen.

Scheinheilig wundert er sich dann weiter:

Das ganze Land ist wie unter Valium. Die Deutschen, die einst wegen weit entfernter Kriege, der Verteidigungs- und Kernkraftpolitik der Bundesregierung oder auch nur wegen einer unliebsamen Umgehungsstraße zur Demo baten, scheinen sich unter der Superkrise wegzuducken.

Ich vermute vielmehr, daß „die Deutschen“ sich abwenden – man nennt das Resignation. Wenn man den ganzen Tag „La Paloma“ in einer Endlos-Schleife hört, schaltet man irgendwann ab.

Wer sich anschaut wie sich Schily, Mehdorn, Schäuble, Schröder, Clement, Ackermann, Zumwinkel  et al., also die sogenannten Eliten, fernab der Lebensrealität der normalen Bürger, aufführen, der wendet sich irgendwann nur angewidert ab. Mit solchen Leuten möchte man als ‚anständiger Bürger‘ und Steuerzahler nun wirklich nichts zu tun haben.

Und sein Fazit

Und wer seinem Ärger zwischendurch auch mal Luft macht, dem geht es anschließend vielleicht ein bisschen besser.

ist ja nicht wirklich falsch.

Aber wer will es dem gemeinen Bürger verübeln, wenn er, ganz dem Vorbild der Regierungschefin folgend, besonnen abwartet, statt das HB-Männchen zu geben?

Im Übrigen frage ich mich, wie denn ein „sich Luft machen“ aussehen könnte? Sollen wir alle auf die Straße gehen und Transparente durch die Gegend tragen, damit die Medien ein bisschen Futter bekommen?

Zumindest mir fehlt der Glaube, daß so eine Aktion auch nur einen Bank-Manager oder ein Regierungsmitglied mehr berührte als ein Kaffeefleck auf der Krawatte.

Und bitte jetzt nicht mit den Montags-Demos zu DDR-Zeiten kommen – wäre die DDR ein souveräner Staat gewesen, dann hätte man wohl die NVA auf die Demonstranten gehetzt. So wurde aber vermutlich in Moskau und Washington entschieden wie das Ganze ausgehen werden würde. Und ja, mir ist bewusst, daß das eine extrem vereinfachte Sicht der Dinge ist.

Was also tun?

Direkte Demokratie nach schweizer Vorbild? Angesichts des akuten Bildungsnotstands und der PISA Erbenisse halte ich das, zumindest heute, für keine gute Idee. Noch mehr Staat? Das kann wohl niemand ernsthaft wollen, sind doch unsere ‚Volksvertreter‘ maßgeblich an der Misere (um nicht schon wieder ‚Krise‘ zu sagen) schuld.

Um es kurz zu machen: ich habe auch keinen Masterplan in der Schublade 😦

Aber unweigerlich muß ich an Roman Herzog und seine Ruck-Rede denken: vor nunmehr knapp 12 Jahren sagte er in Berlin u.A.:

In Berlin wird Zukunft gestaltet. Nirgendwo sonst in unserem Land entsteht soviel Neues. Hier spürt man: Wir können etwas gestalten, ja sogar etwas verändern. Einen neuen Aufbruch schaffen, wie ihn nicht nur Berlin, sondern unser ganzes Land braucht. Ich wünsche mir, daß von dieser Berlin-Erfahrung Impulse auf ganz Deutschland ausgehen. Denn was im Laboratorium Berlin nicht gelingt, das wird auch in ganz Deutschland nicht gelingen.

und auch

Was sehe ich dagegen in Deutschland? Hier herrscht ganz überwiegend Mutlosigkeit, Krisenszenarien werden gepflegt. Ein Gefühl der Lähmung liegt über unserer Gesellschaft. […]

Lassen wir uns nicht täuschen: Wer immer noch glaubt, das alles gehe ihn nichts an, weil es ihm selbst noch relativ gut geht, der steckt den Kopf in den Sand. […]

Was ist los mit unserem Land? Im Klartext: Der Verlust wirtschaftlicher Dynamik, die Erstarrung der Gesellschaft, eine unglaubliche mentale Depression – das sind die Stichworte der Krise. Sie bilden einen allgegenwärtigen Dreiklang, aber einen Dreiklang in Moll. […]

Aber so viel ist doch richtig: wer heute in unsere Medien schaut, der gewinnt den Eindruck, daß Pessimismus das allgemeine Lebensgefühl bei uns geworden ist. […]

Unser eigentliches Problem ist also ein mentales: Es ist ja nicht so, als ob wir nicht wüßten, daß wir Wirtschaft und Gesellschaft dringend modernisieren müssen. Trotzdem geht es nur mit quälender Langsamkeit voran. Uns fehlt der Schwung zur Erneuerung, die Bereitschaft, Risiken einzugehen, eingefahrene Wege zu verlassen, Neues zu wagen. Ich behaupte: Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. […]

Wer die großen Reformen verschiebt oder verhindern will, muß aber wissen, daß unser Volk insgesamt dafür einen hohen Preis zahlen wird. Ich warne alle, die es angeht, eine dieser Reformen aus wahltaktischen Gründen zu verzögern oder gar scheitern zu lassen. […]

Führen wir angesichts dieser Probleme überhaupt noch die richtigen Debatten? Ich will ganz unten ansetzen: Die Welt um uns herum ist hochkompliziert geworden, der Bedarf an differenzierten Antworten wird infolgedessen immer größer. Aber gerade bei den Themen, die am heftigsten diskutiert werden, ist der Informationsstand des Bürgers erschreckend gering. […]

Das ist ein Armutszeugnis für alle Beteiligten: die Politiker, die sich allzuleicht an Detailfragen festhaken und die großen Linien nicht aufzeigen, die Medien, denen billige Schlagzeilen oft wichtiger sind als saubere Information […]

Aber das Beste kommt noch – das Staatsoberhaupt a.D. führt weiter aus:

Solche Debatten führen nicht mehr zu Entscheidungen, sondern sie münden in Rituale, die immer wieder nach dem gleichen Muster ablaufen, nach einer Art Sieben-Stufen-Programm:

1. Am Anfang steht ein Vorschlag, der irgendeiner Interessengruppe Opfer abverlangen würde.

2. Die Medien melden eine Welle „kollektiver Empörung“.

3. Spätestens jetzt springen die politischen Parteien auf das Thema auf, die einen dafür, die anderen dagegen.

4. Die nächste Phase produziert ein Wirrwarr von Alternativvorschlägen und Aktionismen aller Art, bis hin zu Massendemonstrationen, Unterschriftensammlungen und zweifelhaften Blitzumfragen.

5. Es folgt allgemeine Unübersichtlichkeit, die Bürger werden verunsichert.

6. Nunmehr erschallen von allen Seiten Appelle zur „Besonnenheit“.

7. Am Ende steht meist die Vertagung des Problems. Der Status quo setzt sich durch. Alle warten auf das nächste Thema.

Diese Rituale könnten belustigend wirken, wenn sie nicht die Fähigkeit, zu Entscheidungen zu kommen, gefährlich lähmen würden.

Ja, Herr Doktor (jur.) – es schmerzt, wenn ich lache ….

Mir bleibt gar nichts anderes übrig, als den Umkehrschluss zu formulieren:

Was seit 1997 in Berlin nicht gelingen wollte, gelang in ganz Deutschland nicht.

Und wenn es uns jetzt wirklich so heftig erwischen sollte, wie allgemein erwartet/befürchtet wird, dann ist es doch wohl auch und vor Allem der Unfähigkeit unserer Repräsentanten zuzuschreiben – und zwar allen seit dem 26. April 1997.

Als da wären:

die Regierungen Kohl (Kabinett V), Schröder und Merkel

Und da wundert sich ein Herr Degeler, daß ein ganzes Land „wie unter Valium ist“? Ein Mittel welches zur Behandlung von Angstzuständen und als Schlafmittel verwendet wird?

Offensichtlich hat das in der deutschen Politik ja mittlerweile eine gewisse Tradition, siehe das von Herzog aufgezeigte „Sieben-Stufen-Programm“ …

Dieser Artikel ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.

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